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Jahreskonzert der Rumpenheimer Kantorei


Zwischen Klassik und Folklore

Rumpenheim – Hochkarätig begann das Jahreskonzert der Rumpenheimer Kantorei als Teil der Offenbacher Tage der Kirchenmusik in der Schlosskirche – und so blieb es weitgehend auch. Dirigent Tobias Prautsch hatte seine Vokalisten durch ein ausgezeichnetes Streichquartett, Pianist Stanislav Okunev und talentierte junge Gesangssolisten von der Frankfurter Hochschule für Musik verstärkt.
Wie ein Präludium wirkte der zweite Satz aus Franz Schuberts Streichquartett Nr. 14 in d-Moll „Der Tod und das Mädchen“. Michael Makarov und Palina Semianuk (Violine), Ferdinand Hubert (Viola) und Shirin Tashibaeva (Violoncello) spielten auf hohem Niveau. Nachdem sie das Thema leise im akkordischen Satz vortrugen, entwickelten sie raffinierte Dreiklangbrechungen und Rhythmen. In der zweiten Variation steigerten sie die Lautstärke, um in der dritten zum schroffen Ausdruck vorzustoßen.
In der vierten Variation leitete das Quartett aufgebaute Energie ins Zarte um samt anschmiegsamer Melodik. Auch die letzte Variation machte deutlich: Hier wurde absolute Musik geboten. Die bot das Quartett auch bei Johann Sebastian Bachs „Ich ruf´zu dir, Herr Jesu Christ“ nach der Melodie eines lutherischen Kirchenlieds.
Danach begann ein umfangreicher Reigen von Vaterunser-Vertonungen, bei dem sich Prautsch mit seiner Kantorei gut disponiert zeigte. Unterbrochen wurden die Chorsätze durch Lesungen der Chormitglieder mit berührenden Originaltexten aus der Feder von Flüchtlingen, Vertriebenen und Verfolgten, die in Deutschland neue Heimat gefunden haben. Oder durch ausdrucksvolle Solopartien. Im Kirchenraum verteilt begann die Kantorei mit einem gregorianischen „Pater noster“. Sehr ausdrucksvoll gelang auch das zärtlich wirkende russische „Otche nash“ von Nikolai Kedrov mit seiner spirituellen Tiefe.
Feierlich und raumgreifend wirkte das französische „Notre Pére“ von Maurice Duruflé, bei dem der Chor durch das Instrumentalensemble begleitet wurde. Einen harten Kontrast dazu bildete Wolfgang Stockmeiers experimenteller Sprechgesang „Vater unser“: Der Gebetstext wuchs vom Wispern und Flüstern zum Sprechstakkato, dann gar zur anklagenden Schreiattacke – bis ein wunderschönes Amen für Entspannung sorgte.
Schöne Folklore sangen die tiefen Stimmen des Chores im westafrikanischen Traditional „Abana“. Die hohen Stimmen der Kantorei schickten Piotr Janczaks „Pater Noster“ hinterher. Ein Höhepunkt des Abendkonzertes war das schwungvolle „Baba Yetu“ von Christopher Tin, begleitet vom Streichquartett und überstrahlt vom Tenor Alexandr Bogdanov. Der Chorsatz „Aller Augen“ von Heinrich Schütz nach Psalm 145 wirkte etwas isoliert, zumal nach den Stücken immer wieder Beifall die Dramaturgie des Konzertes störte. Ein Prachtgesang dann Nikolaj Rimskij-Korsakovs vierstimmiges orthodoxes „Vater unser“. Der Chorreigen der Kantorei endete mit frühbarockem Gesang: „Also hat Gott die Welt geliebt“.
Eine besondere Bewertung verdienen die Auftritte der Gesangssolisten Noabelle Marie-Claire Chegaing (Sopran), Torben Binding (Bass) und Alexandr Bogdanov (Tenor), allesamt Studierende der Frankfurter Hochschule für Musik. Alles überstrahlte Chegaing, nicht nur durch die stimmliche Höhe ihrer Partien. Mit kraftvoller, wunderschöner Stimme sorgte ihre Interpretation von „Amazing Grace“ und der Bach-Gounod-Schöpfung „Ave Maria“ für Gänsehaut. Aufs Gefühlvolle achtete Bassist Binding bei Gottfried Heinrich Stölzels „Bist du bei mir“, eingebettet in Okunevs Klavierspiel.
Auch bei Ludwig van Beethovens Gellert-Liedern „Bitten“ und „Gottes Macht und Vorsehung“ erfreute die Wärme von Bindings Stimme. Wunderschön gesungen auch seine Version zu „The Lord´s Prayer“ von Michael Head. Überzeugen konnte auch Bogdanovs heller Tenor bei Felix Mendelssohn Bartholdys „Sei stille dem Herrn“. Des Beifalls war fast schon zu viel an diesem musikreichen Abend.


Quellenangabe: Offenbach-Post vom 07.11.2019, Seite 12